Aufmerksamkeit im Leben – Masayuki Shimabukuro
Peter Roskothen | 12. Januar 2007Es ist erstaunlich was Budo so alles bewirken kann, wenn es tiefgreifend gelehrt und ausgeübt wird. Meine Frau Geraldine und ich haben Aikido bekanntlich bei Esther-Sensei und Bruno-Sensei aus dem Kempener Tenshin-Ryu gerlernt (Reynosa-Sensei in Ventura, USA hat großen Einfluß auf unser Aikido. Er ist jetzt unser Sensei/Lehrer und wir sind sehr glücklich über seine Zuwendung). Wie die beiden zu unserer Zeit in diesem Ryu so schön sagten (freies Zitat): “Am Anfang des Aikidotrainings fängt man an, herrunterfallende Tassen aufzufangen.”. Im Laufe der Zeit steigert sich diese Art Aufmerksamkeit mehr und mehr. Man nimmt Probleme wahr, kann in einem Gesicht mehr lesen als die Fassade erkennen läßt und lernt auch noch viele andere Dinge, die sich aber jedem anders erschließen und die jeder selbst herausfinden muß. Eine Empfehlung ist Aikido in jedem Falle. Voraussetzung ist aber wie immer im Leben, daß man die richtigen Menschen/Lehrer trifft.
Masayuki Shimabukuro ist einer der wichtigen Menschen im Budo und er beschreibt das Prinzip der Aufmerksamkeit in vier Schritten: “Nikugen -> Tengen -> Egen -> Shingen”. Wenn man die Erläuterungen zu den vier Begriffen liest, dann stellt man fest wie philosophisch Budo sein kann.
Die erste Stufe – “Nikugen” (was der Autor als “Naktes Auge” bezeichnet – ist ein zweidimensionales “Sehen”, welches vielleicht besser mit “Erkennen” zu übersetzen sein mag. Bei dieser Stufe erkennt man etwas, weiß aber nicht wirklich Form und Hintergrund zu erkennen. Vielleicht ist das im übertragenen Sinne am besten mit dem Stadium des Kleinkindes zu vergleichen.
Die zweite Stufe – “Tengen” – ist das was der Autor als “Neutrale Perspektive” bezeichnet. Er meint vereinfacht gesagt, daß man jetzt schon bei vielen Bäumen automatisch den Wald erkennt.
Die dritte Stufe – “Egen” – ist eine “Interpretative Sicht”, die man bei vielen erwachsenen Menschen feststellen kann. Auf dieser Stufe wird es möglich einen Unfall zu erkennen, weil man merkt, daß sich zwei Autos an einer Kreuzung nicht sehen können und es so zu einem Crash kommen muß. Allerdings, so schränkt Masayuki Shimabukuro ein, ist “Egen” bei vielen Menschen auf physikalische Vorgänge beschränkt, während man doch mit dieser wahren “Egen”-Stufe im Grunde wesentlich mehr erkennen könnte. Zum Beispiel wenn zwei gegensätzliche Charaktere aufeinander stoßen.
Interessant ist die vierte Stufe “Shingen/Hōgen”, übersetzt ins Englische: “Compassionate Eye”. Compassion wird ins Deutsche oft sehr falsch mit “Mitleid” übersetzt. In Wirklichkeit ist Mitgefühl gemeint. Dabei ist das wirklich ein riesiger Unterschied – vielleicht im übertragenen Sinne zu beschreiben mit der Eltern-Kind-Beziehung der beiden Worte zueinander.
Auf dieser vierten Stufe – die vermutlich nicht viele Menschen erreichen – geht es um die Objektivität und um das Mitgefühl. Der wahre Samurai versteht die Dinge objektiv zu sehen und vorherzusehen, welche Ereignisse sich aus dem Handeln bilden werden. Er bewertet die Dinge und Meinungen nicht allein für sich selber, sondern er nutzt seine Weisheit und sein Mitgefühl für alle die betroffen sind, so daß sein Handeln nicht das Beste für ihn selbst bedeutet, sondern das Beste für die Gesellschaft als Ganzes.
Es ist interessant zu lesen, was sich noch hinter dieser vierten Stufe verbirgt. Fakt ist, daß es enorm lange dauern dürfte, bis man in die Nähe dieser Art von Aufmerksamkeit kommt, denn dagegen spielt immer das Ego und die eigenen Erfahrungen/Voreingenommenheiten. Auch die Lebensumstände, welche man aber auf der Stufe Vier sicherlich beeinflußt, um weiter zu kommen auf dem Weg. Um es kurz zu sagen, wird man auf dieser Stufe die Fähigkeiten eines Menschen nicht mehr vom Aussehen und anderen Äußerlichkeiten abhänigig erkennen. Man blickt hinter die Fassade ins Herzen und erkennt die wahre Persönlichkeit.Die Ansichten von Masayuki Shimabukuro sind höchst interessant und beschäftigen sich zu einem sehr großen Teil mit Etikette und Philosophie. Er ist in unseren Augen ein ganz großer und wichiger Vertreter des Budo und der Menschlichkeit.
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