Graduierungen und ihr Unterschied zur wahren Stärke
Tobias | 9. Mai 2008Ich würden diesen kleinen Aufsatz, den ich schreibe um meine Gedanken zu reflektieren, und damit gleichzeitig weiter zu geben, gerne mit dem Zitat anfangen, dass mich überhaupt erst zum Nachdenken angeregt hat, und schließlich dazu, diesen kleinen Artikel zu schreiben.
„In judo, a dan (rank) is awarded to the practitioner by other people. True power, however, comes from within.
Do not seek the acquirement of dan alone; rather pursue your true power. Your progression through the dan grades will follow”*
- Mifune Kyuzo , Judan (10th Dan) Kodokan Judo**
Und nochmal in Deutsch:
“Im Judo wird der Dan dem Übenden von einer anderen Person verliehen. Wahre Stärke kommt jedoch von innen.
Strebe niemals nach deiner Dan-Graduierung als einziges Ziel; versuche vielmehr deine wahre, innere Stärke zu finden. Das Voranschreiten deiner Dan Graduierungen wird deinem Streben nach innerer Stärke von alleine folgen“
- Mifune Kyuzo , Judan (10. Dan) Kodokan Judo
Zunächst sei dazu gesagt, dass sich dieses Zitat natürlich NICHT nur auf Judo beschränkt. Die Formulierung dieses Zitates begründet sich lediglich in der Funktion Mifunes als Judo Lehrer, der diesen Satz an seine Schüler richtete. Ersetzen wir dieses Wort schlicht und einfach durch den Begriff Budo, was den Sinn in keiner Weise verändert.
In diesem Zitat lässt sich erkennen, dass Mifune zweifelsohne die Problematik, die hinter dem Graduierungssystem steckt durchschaute. Dennoch würde ich ihn nicht als Gegner des Dansystems bezeichnen. Die Problematik, die er indirekt mit diesen Worten beschreibt, liegt in der Tatsache, dass man als engagierter Schüler mit großer Wahrscheinlichkeit beginnt Prüfung nach Prüfung zu absolvieren und darüber vergisst, was das Ziel seines Trainings ist. Da dieses Ziel jenseits von Technik und Auszeichnung durch Graduierungen liegt, ist es nicht im Sinne des Übenden lediglich eine immer höhere Graduierung anzustreben.
Obwohl Werner Lind ausführt, dass die Überwindung des eigenen Ichs erst ab Sandan, also dem dritten Dan stattfinden kann, da dem Kampf gegen das eigene Ich eine tiefes Verständnis von Technik und Hintergründen vorausgehen muss, werde ich seine These als Beleg für dieses Interpretationsweise anführen. Die Form kann laut Lind mit Inhalt, also mit dem Kampf gegen das Ich gefüllt werden, wenn das technische Verständnis und die Disziplin sich eingestellt haben***. Lind knüpft diese These an das Graduierungssystem an, da er sagt der Kampf gegen das ich kann erst ab Sandan beginnen. Sie Widerspricht der Auffassung Mifunes jedoch nicht im Geringsten. Im Gegenteil, diese Thesen sind durchaus komplementär verständlich. In dieser These wird nämlich nicht deutlich, dass Werner Lind den Dan als Auszeichnung versteht. Vielmehr macht er sehr deutlich, dass der Dan, mit höherer Graduierung, den Träger mit immer mehr Pflichten erfüllt.
Genau so verhält es sich mit dem Tragen des Hakama, der keine Auszeichnung und auch keine Ehrerbietung sondern eine Aufgabe, Pflicht, ja sogar Bürde, ist.
Ebenso sieht dies Mifune, der im Dan kein Zeichen von Größe sieht, sondern ein Zeichen der Verantwortung, die der jeweilige Bugeisha**** trägt.Die Argumentationskette, die Mifune in dem obigen Zitat verfolgt ist also folgende: Der Dan ist Zeichen der Verantwortung. Die Verantwortung wächst mit der Erfahrung und der Perfektion der Technik*****, die ein Bugeisha hat. Die Erfahrung und Perfektion der Technik ist Produkt von Zeit und Engagement. Also wird derjenige, der sich über lange Zeit in der Kampfkunst engagiert zwangsläufig mit einer hohen Graduierung Konfrontiert sehn, was allerdings bei Betrachtung der vielen weiteren positiven Aspekte, die einem das Training bringt, nebensächlich ist. Die Existenz des Dan ist jedoch nicht unbegründet. Er hat eine höchst wichtige und nicht zu unterschätzende Aufgabe: Er erinnert seinen Träger stets, zu jeder Minute, an die soziale und pädagogische Pflicht, die dieser seinen Schülern, Lehrern und allen, die er irgendwie helfen kann, schuldig ist.
* Zitat: Kyuzo Mifune, Judo no Shinzui: Michi to Jutsu, Kodansha-Verlag, Tokyo, 1965
**Kodokan Judo: Bezeichnung für den traditionellen Judo-Stil, der von Jigoro Kano begründet wurde.
***Zitat: Werner Lind, Budo Der Geistige Weg der Kampfkünste, O.W. Barth, o.O, o.J
****Bugeisha: Dieser Begriff wurde durch Dave Lowry geprägt, der ihn in seinem Buch Pinsel und Schwert als Oberbegriff für alle Kampfkunstübenden aller Kampfkünste in allen Stilen jeder Epoche gebraucht.
*****Auf den Aspekt der Technik bin ich in dem Aufsatz nicht weiter eingegangen, da es vermutlich den Rahmen gesprengt hätte. Überall, wo jedoch Begriffe wie Erfahrung und Verantwortung auftauchen spielt auch die Technik als Erzieherin zur Disziplin eine wichtige Rolle.



























































Letzte Kommentare