Mushin – Wann ist Verstand kein Verstand…?

Mushin” war der wesentlicher Leitbegriff, den Reynosa-Sensei auf dem Aikido-Seminar im Belgien verwendete. Daher soll hier der Versuch unternommen werden, dieses entscheidene Element der Budokünste und des Zens näher zu beschreiben.

Mushin (jap.): im wörtlichen Sprachgebrauch: „Unschuld“. In den Interpretationen des Budo steht der Begriff für die Absichtslosigkeit des Geistes (Freiheit vom Ich-Wollen), einen Zustand völliger Natürlichkeit und Unabhängigkeit vom dualistischen Denken, eine Geisteshaltung ohne Fixierungen irgendwelcher Art, offen für das intuitive Empfinden zusammenhängender Wirklichkeiten.

Dafür muss der Geist frei von belastenden Gedanken sein und darf nicht an Wunschvorstellungen oder Vorurteilen haften. Mushin – der leere Geist – steht daher für ein Empfinden, das in der Lage ist, die Situation ungetrübt von den eigenen Vorstellungen zu betrachten.

Mushin ist Teil des Zen-Buddismus. Einer seiner großen Lehrer bemerkte einmal: Mushin ist das Denken des Körpers”. Weisheit und Wissen sind nicht dasselbe. Im täglichen Leben und in Unterhaltungen denken die meisten Menschen zuerst und antworten dann; aber sehr kluge Menschen benutzen ihre Weisheit und denken nicht. Sie sprechen und antworten aus Intuition (aus dem Bauch heraus).

Das Ziel ist es, Ablenkungen und Verwirrungen, die oft durch den Ablauf des bewussten Denkens auftreten, auszuschließen, so dass das Ergebnis oder die Reaktion natürlich und wirkungsvoll ist. Unser Verstand kann unsere Aufgaben und den Weg dahin erschweren, entweder weil wir uns an unsere Ängste und Fehler erinnern oder weil wir uns verpflichtet fühlen, viele andere Möglichkeiten zu überdenken, so dass unsere normale Antwort mit zu vielen wertenden Einzelheiten belastet wird. Das ist nicht notwendigerweise schlecht, aber oft ist es besser, aus dem Bauch heraus zu reagieren. Wenn wir uns mit Mushin wohl fühlen, „fließt“ unsere Antwort (Reaktion) ohne Schwierigkeiten. Mushin ist das Gegenteil von Ushin, dem in logischen Unterscheidungen fixierten und demzufolge oberflächlichen Geist, der einem nichtgeübten Menschen zu eigen ist. Mushin ist das Herz der Zen-Lehre und ist unentbehrlich für den, der mit sich selbst und der Welt im Einklang leben möchte.

Darüber hinaus war Mushin ein bedeutungsvolles Ziel der Samurai, die in ihrer Absicht, „jenseits von Leben und Tod“ zu stehen, diese Übungsmethode für ihre Zwecke gebrauchten. Wesentlich dabei war, durch Übung einen Zustand zu erreichen, in dem die Überwindung der Trennung der Welt von Subjekt und Objekt (Nicht-Dualismus) möglich wurde.

Das Herzstück von Mushin ist Üben, Üben, Üben. Deswegen taucht das Konzept von Mushin vielleicht so oft in der Diskussionen über die Kampfkunst auf. Offensichtlich macht schon die kleinste Zeitverzögerung der Reaktion einen großen Unterschied aus. Die Fähigkeit, fast gedankenlos zu reagieren (fließen), gibt einem den Vorteil gegenüber dem Gegner, der noch darüber nachdenkt, was er als Nächstes machen soll.

Im Aikido kommt Mushin zum Ausdruck, wenn man, anstatt eine bestimmte Technik anzuwenden, die Technik von alleine entstehen lässt, man also frei ist vom Wollen und spontan auf den Angriff und die entgegengebrachte Energie reagiert. Letztendlich ist Mushin so eine der Bedingungen für die höchste Form des Aikido bei dem die Techniken spontan aus der Harmonie zwischen Uke und Nage entstehen.

 An die Stelle des Gedankens “Jetzt mache ich einen Iriminage” tritt eine Leere im Geist. Allerdings darf diese Leere natürlich nicht mit dem Vakuum verwechseln werden, welches sich gerne im Kopf während einer Gürtelprüfung einstellt, Sie ist das genaue Gegenteil davon.

 Steven Seagal erklärt in einem Interview das Prinzip von Mushin auf bildliche Art: “Eine Analogie für Mushin ist die Reflektion des Mondes auf einem stillen See. Sobald der Wind weht, bewegt sich die Oberfläche des Wassers und das Bild des Mondes wird verzerrt. Vergleiche dies mit deinem Geist und deinem Herzen. Wenn du Gedanken in deinem Geist und deinem Herzen trägst, wird alles verzerrt. Um eins zu werden und alles so zu verstehen, wie es wirklich und wahrhaftig ist, musst du absolut still und leer sein. Das ist Mushin”.

 Aber wie erreicht man diesen Zustand des leeren Geistes? Müssen wir jeden Tag meditieren? Sollen wir uns, wie 0-Sensei, jeden Morgen mit eiskaltem Wasser übergießen oder unseren Kopf täglich 100 Mal gegen einen Felsen schlagen? Hoffentlich, nicht!!!

 Zum Glück sieht es danach aus, dass auch Normalsterbliche diesen Zustand erreichen können, auch ohne in die Nähe eines Wasserfalles oder der japanischen Berge ziehen zu müssen. Folgende Aussagen von Taisen Deshimaru-Roshi können vielleicht einen Hinweis darauf geben, wie man Mushin erreichen kann: “Wenn unser Geist die Ruhe findet, verschwindet er von selbst«, und: »Man muss in jeder Bewegung vollständig gegenwärtig sein: sich hier und jetzt konzentrieren – das ist es, was Zen uns zu lehren hat”.

 Das Überwinden des Egos würde dann den Weg frei machen für die Vereinigung und die Harmonie mit dem Universum. Zumindest Letzteres ist laut 0-Sensei eines der wichtigsten Prinzipien des Aiki. Er sagte: “Wenn du dich nicht mit der wahren Leere vereinst, wirst du nie die Kunst des Friedens verstehen können”. Mushin als Weg zu inneren Frieden.

 Man muss nicht Buddhist sein und auch Meditation ist nicht jedermanns Sache. Aber Aikido bietet die Chance, auf körperliche Weise zu üben, das eigene Ego loszulassen und den Geist leer zu machen, um so auch im Alltag spontan reagieren zu können und jeden Augenblick ohne vorgefertigte Meinungen oder Erwartungen zu erleben. Vielleicht öffnet Mushin uns die Augen und erlaubt uns, jeden Moment in unserem Lehen frei und dadurch intensiv zu erleben.

 Toda Shinzaburo Masahide (Togakure Ryu):
„Man sollte weder stark noch schwach, weder weich noch hart sein.
Laß solche Gedanken hinter dir, erwache zur Leere und mache deinen Körper nichtig, um dich daran zu halten.”

Masaaki Hatsumi: The Way Of The Ninja, 2004

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