Totale Ruhe
Es gibt sie nicht die totale Ruhe in unserer modernen Welt. Wenn wir Glück haben, glauben wir in Ruhe zu sein und vermutlich ist der Schlaf die beste Erholung für viele Menschen. Irgend etwas verursacht ständig Lärm. Wenn wir spazieren gehen, dann hören wir Autos oder sogar eine ständige Geräuschkulisse in Form einer Landstraße oder Autobahn. Beim Frisör sind laute Stimmen und Haarföne verantwortlich für permanenten Stress in Form von Krach. Dasselbe im Restaurant, im Supermarkt, im Auto, im Büro, zu Hause und wo auch immer wir gehen und stehen.
Unser Gehör ist einer unserer besten Sinne. Das hat damit zu tun, daß wir in der Vergangenheit sehr vorsichtig sein mussten, um beim kleinsten Geräusch eines Tieres flüchten zu können. Auch unsere Augen sind sehr sensibel. Wir werden den ganzen Tag zugeballert mit Informationen: Verkehrsschilder, Werbung, Displays vom Auto, Computer und vom Telefon. Das alles hat mit dem Konsum zu tun, der uns auferlegt wird und dem wir willig folgen. Es wird immer anstrengender und schwieriger. Fernseher wollen programmiert werden, Mobiltelefone verstanden werden, Musik hören geht nicht mehr ohne WLAN und 30igstelliger Verschlüsselung. Nichts klappt mehr, der Kram aus China geht ständig kaputt, wir müssen alle Nase lang Dinge zurücksenden, umtauschen und uns ärgern um zu unserem Recht zu kommen. Die Telefongesellschaften sind im Preiskampf, die übrige Welt genauso. Der Service wird immer schlechter und wir haben immer mehr Ärger und Arbeit bei abnehmendem Nettogehalt. An die Rente mögen wir gar nicht denken – wer wird dann noch in der Lage sein ein Auto zu steuern, welches voll mit moderner Elektronik sowieso die halbe Zeit beim Autohändler in Reparatur steht.
Bei all dem Drumherum möchte der eine oder andere von uns ausbrechen und alles anders machen. Mal substituieren wir diese schlimme Zeit beim Spaziergang mit dem Hund, mal mit einem guten Buch auf dem Bett oder Sofa, mal mit zu viel gutem Rotwein der uns nicht die erforderliche Betäubung bringen möchte. Die meisten von uns träumen von der Insel oder einem kleinen Bergdorf, in dem die Zeit still steht. Unsere Sinne sind auf Durchzug geschaltet. So viel Informationen schaffen wir nicht mehr. Die Augen nehmen nur noch jedes dritte Verkehrsschild wahr, die Ohren merken den Lärm schon gar nicht mehr. Gehen wir spazieren, so nehmen wir das Reh nicht wahr, den Vogel nicht wahr und auch das Kaninchen im Feld fragt sich wie blind der Mensch inzwischen geworden ist.
Und dann ist da noch Aikido. Der Ort der Ruhe, der Stille, wo man inne hält und sich besinnen kann auf sich selber. Wo man anfängt sich wieder zu spüren, sich zu entdecken. Seine Sinne (zurück-) entwickelt, sein Verhalten ändert, bewusst wird, für andere Zeit hat, sich konzentriert auf nur eine Sache, nicht plant, nicht in die Vergangenheit gerät, nicht träumt, kein anderes Geräusch wahrnimmt und auch sonst sehr in einer konzentrierten Bewegungsmeditation entspannt. Was ich da beschreibe ist ein Nebeneffekt von Selbstverteidigung, von hartem Training, von ständiger Aufmerksamkeit(!) und dem miteinander trainieren.
So ist einer der wertvollsten Momente sicher das auf die Matte gehen, sich setzen, sich entspannen, sich konzentrieren und sich selber spüren. Den Atem bewusst zu erleben und immer wieder zu spüren, daß da Mehr ist im Weniger.
Wie wertvoll ist all das in unserem modernen turbulenten Leben? Man möchte manchmal nichts anderes machen als Budo.
