Schmerzen

Lernen und Loslassen funktionieren nur mit Schmerzen. Das gesamte Aikido-Prinzip baut auf Schmerzen auf. Immer dann, wenn ich jemanden der mich angreift unter Kontrolle bringe, fühlt der Angreifer den Schmerz, selber nicht die Kontrolle zu haben. Er fühlt auch den Schmerz von nikkio oder yonkio ganz deutlich und der Kopf speichert diese Information nach dem xten Training so ab, daß der Mensch, der oft Uke war, beim Ausführen der Technik als Nage immer mehr Mitgefühl bekommt und die Technik bei seinem Übungsangreifer vorsichtiger anbringt. Was der Schüler dann gelernt hat ist nicht nur yonkio und nikkio, sondern vor allem auch Mitgefühl (nicht zu verwechseln mit Mitleid) und Verantwortung.

Wenn ein Kind die Welt erfährt, dann lernt es am schnellsten, wenn etwas weh tut. Daß die Herdplatte heiß ist, mögen die Eltern vielleicht zehn Mal eindringlich gesagt haben. Erst wenn das Kind selber an die Herdplatte gepackt hat, wird es den Fehler im besten Falle nicht wieder machen. Wenn der Lehrer einem Schüler also etwas vermitteln möchte, dann kann das Lernen ebenso nicht ohne Schmerzen funktionieren. Es ist nur selten so, daß ein Schüler dafür auch noch dankbar ist. Schließlich geht es dem Lehrer nicht um Dankbarkeit, auch nicht um Geld (als Aikido-Lehrer bekommt oft gar keines), sondern im günstigsten Falle um höhere Ziele. Und wenn dann ein Lehrer z.B. sagt: “Fußball ist ein Sport, bei dem sich viele Verletzungen ergeben und bei dem man ans Gewinnen denkt, aber nur selten an den Weg oder daran, zu lernen zu verlieren”, dann wird ein Schüler deshalb nicht öfter zum Aikido kommen. Erst wenn die Verletzung da ist, oder die Einsicht daß es auch dem Trainer (nicht zu verwechseln mit Lehrer) nur ums Gewinnen geht, oder daß die Kollegen oft genug menschliche Wracks sind und nicht im mindesten an die soziale Komponente denken, wird ein Schüler es verstehen. Bis dahin sind viele Schmerzen da, die die genügende Einsicht erzeugen mögen. Manchmal und oft genug schaffen es nicht einmal die Schmerzen.

Mehr

Shugyo

Schon in dem Artikel über Shu – Ha – Ri haben wir kurz den Begriff “Shugyo” verwandt. “Shugyo” (oder auch “Shugio” geschrieben) ist ein Begriff, der offensichtlich verschiedene Bedeutungen haben kann. Früher war ein “Shugyosha” ein Budoka, der von Dojo zu Dojo zog, um dort weiter zu lernen.

Der Begriff “Shugyo” setzt sich aus den zwei Silben zusammen: Shu bedeutet soviel wie Disziplin, Respekt, Lernen und Gyo bedeutet soviel wie Kunst. Vielleicht soviel wie “die Kunst erlernen”.

“Shugyo” ist ein sehr schwierig zu erklärender Begriff und bedeutet im übersetzten Sinne offenbar auch soviel wie “den Geist schmieden” oder “den Geist polieren”. Es bedeutet Geist und Körper in Einklang zu bringen und sich selber herauszufordern. Das wiederum bedeutet, aufrichtig zu sein, an sich selbst zu arbeiten und über seine Grenzen zu gehen. Vor allem aber seine Fehler zu erkennen und aus der Komfortzone herauszukommen.

Shugyo scheint mit Misogi (Reinigung) daherzukommen. Offensichtlich kann man Shugyo jeden Tag praktizieren, indem man unliebsame Aufgaben erledigt und zum Beispiel Ordnung in seinem Leben schafft. Natürlich kann das so etwas sein, wie Aufräumen, das Bett machen, seinen Gi selbst waschen, sich um den Abwasch kümmern. Aber im Grunde geht es darum, den Geist offen zu machen, ihn rein zu machen und sich selbst gegenüber ehrlich zu sein. Also sich nicht hängen zu lassen, sondern zu reifen.

Auf dem körperlichen Level kann man Shugyo durch wiederkehrende Bewegungen gut praktizieren. Das kann das Putzen der Tatami sein, oder das bewußte Sitzen und Atmen, einhergehend mit Disziplin.

In Deutschland ist das Shugyo im Leben sicher oft unbequem und unbekannt. Das fängt schon in der Schule an, in der man sein Papier unachtsam wegwirft oder die Schuhe nicht sauber macht beim Eintreten. Man überläßt das Putzen jemand anderem. In Japan putzen Schüler ihre Schule selbst und machen sauber. Das ist eine Art der Disziplin und Selbstüberwindung, die dazu geeignet ist, mit sich selbst ehrlich zu sein, sich über seine eigenen Grenzen der Faulheit und Unreinheit hinwegzusetzen.

Natürlich kann Shugyo auch bedeuten etwas Neues zu erfahren, in ein fremdes Dojo zu gehen und sich diszipliniert und respektvoll zu benehmen. Oder zu einem fremden Lehrgang zu gehen, der mit völlig neuen Herausforderungen aufwartet und in dem man sich sehr bescheiden aufführen muß. Bescheiden zu sein kann überhaupt nie wirklich schaden, denn wir sind alle mit großen Fehlern durch das Leben, welche man angehen kann und möchte, wenn man Shugyo praktiziert.

Shugyo praktiziert in unserem Verständnis jeder, der in ein Dojo geht, welches nicht einfach nur zum Wohlsein gereicht. Jeder der ein gutes Dojo besucht, praktiziert Shugyo, denn er überwindet sich selbst, geht regelmäßig zum Training und versucht so bewußt oder unbewußt an sich zu arbeiten, etwas aus sich zu machen. Je mehr er übt und an sich arbeitet, desto intensiver sein Shugyo und damit seine Reife.

So hat Shugyo sicher etwas mit Askese zu tun, sich auf das Wesentliche zu beschränken, seinen Geist zu reinigen, sich zu überwinden, an sich zu arbeiten, zu reifen. Und so wenig wie man über den Begriff lesen kann, hat er wohl für viele eine andere Bedeutung. In jedem Falle hat man mit dem Offensein und dem reinen Geist eine andere Art Aufmerksamkeit und kommt mit Shugyo so auch dem Shingen, der hohen Aufmerksamkeit näher.

Wer mehr weiß über den Begriff, ist herzlich gebeten es zum Beispiel als Kommentar beizutragen. Wir arbeiten daran den Begriff weiter zu ergründen.

Mehr