Über Ehrlichkeit (eine Anekdote)

Es ist schon lange her. Ich war gerade 9 geworden (ich bin jetzt 36) und hatte angefangen, Kunstturnen zu trainieren. Mein „sensei“ hieß Vladimiro Cárcaba. Er führte die einzige Kunstturnschule in meiner Heimatstadt Oviedo, in Spanien. Er unterrichtete kostenlos (was dem damaligen Turnverein nicht sehr passte) und nahm Kinder jeden Alters und Ursprungs bei sich auf. Wer ihn nicht kannte, der hielt ihn für einen Tyrannen, denn bei ihm Disziplin, Sauberkeit und Respekt waren immer groß geschrieben, manchmal wurde er auch etwas laut.

Durch ihn hat jene Generation von Kindern nicht nur Sport (übrigens, kein Wettkampfsport) gelernt. Er vermittelte uns sehr wichtige Werte wie z.B. Fleiß, Höflichkeit, Disziplin, Zuverlässigkeit, Freundschaft, Respekt, Toleranz und nicht zuletzt Ehrlichkeit. Wie wichtig diese Werte in einer zivilisierten Gesellschaft sind brauche ich nicht zu erläutern, ich möchte aber hiermit eine vielleicht banale Anekdote aus meiner eigenen Erfahrung erzählen, die aber mein Leben geprägt hat.

Ich muss ca. 18 gewesen sein. Die damals sehr bekannte Pop-Band The Christians kam nach Oviedo und gab dort ein Konzert. Leider kostete der Eintritt mehr als ich mir mit meinem Job als Fahrradkurier leisten konnte aber ich wollte unbedingt dahin, also ging ich zu unserer Arena. Es war ein regnerischer Tag. Leute kamen rein, andere versuchten sich hineinzuschleichen. Der Türsteher blickte grimmig und lies keiner ohne Eintrittskarte rein. Etliche Ausreden die er zu hören bekam ließen ihn komplett kalt, alle wurden zurückgewiesen. Ich überlegte, wie ich hereingelassen werden konnte. Ich fasste Mut, stellte mich vor ihn und sagte:
-Guten Abend, wissen Sie, ich würde so gerne zum Konzert, kann ich mir aber die Karte nicht leisten. Wären Sie so nett, mich trotzdem hereinzulassen?
Er guckte mich erstaunt und sprachlos. Nach einer Weile lächelte er, klopfte auf meine Schulter und sagte.
-Sicher junge, komm mal rein!

So einfach war das. So einfach ist es meistens im Leben auch.

Ich habe an jenem Tag eine wichtige Lektion gelernt (vielleicht der Türsteher auch!):
Ehrlichkeit. Zu einem selbst, zu den anderen. Das ist die beste Basis, um im Leben mit sich selbst und mit den Mitmenschen bestens zurecht zu kommen. Keine Lüge, kein Betrug. Daraus kann nichts Vernünftiges resultieren, selbst wenn uns manchmal kurzfristig so erscheint.

Vladimiro ist heute seit nunmehr 27 Jahren mein bester Freund, seine Lehre versuche ich auch meinen eigenen Kindern zu vermitteln.

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Die Gespräche mit Reynosa-Sensei aus der Sicht eines 17-jährigen

Wie schon beschrieben haben wir uns gemeinsam zum Christkindl-Seminar nach Nürnberg aufgemacht, um bei Larry Reynosa-Sensei etwas über den Weg (jap.: „Do“) des Aiki (jap.: „ai“: „Harmonie“, jap.: „Ki“: „Lebenskraft“) zu lernen.

Tatsächlich haben die Gespräche, die Sensei (dt.: „Lehrer“) jeder Trainingseinheit vorweggenommen hat, besser gesagt, die jedes Training einleiteten, weitaus tiefgründigere Einsicht in die Welt des Aikido geboten.

Sensei betonte zunächst, dass er diese Gespräche für einen essentiell wichtigen Teil im Training einer Kunst des Budo (dt.: „Der Weg des Krieges“) als wirklicher „Weg des Krieges“ halte, was denke ich alle Beteiligten dazu führte seine Worte umso mehr in sich wirken zu lassen.

Ein Aspekt, den er im Folgenden immer wieder betont hat, ist die Verantwortung eines jeden Lehrers des Aikido, die er seinen Schülern gegenüber trage. Jedem von ihnen zu vermitteln, was der Sinn im Aikido sei. Lehrt ein Lehrer Aikido als Weg sich zu verteidigen, so müssen die vermittelten Techniken auch funktionieren. Wenn die Techniken jedoch nicht funktionieren, so sei auch diese Form des Aikido zu respektieren, allerdings nur, wenn der Schüler darum weiß, dass er sich niemals auf der Straße damit wird verteidigen können.

Auf der anderen Seite müsse auch jedem Schüler, der Aikido lernt, dass „straßentauglich“ ist, vermittelt werden, dass die Techniken unter allen umständen nur ein schadenregulierendes allerletztes Mittel sind. Die Meisterschaft im Budo bestünde also nicht im Meistern der äußeren Form, sondern in der Beherrschung von Aggression und Angst.

Damit kommen wir zum nächsten Punkt. Angst!

Die Kontrolle über die eigene Angst zu erlernen, war ein weiterer Punkt, auf den Sensei sehr viel Wert legte. Denn Angst sei große Hürde, wenn man sich wirklich einmal im Kampf muss.

Sensei drückte dies beim üben der Technik Yubi-Dori (Ergreifen der Finger bei Angriff mit geöffneter Hand) ungefähr so aus: „Wenn euch jemand Angreift mit der Absicht euch zu töten, und ihr seine Finger dann loslasst, nur weil sie knacken und ihr Angst davor habt eurem Angreifer die Finger zu brechen, dann könnt ihr davon ausgehen, dass derjenige aus Wut über seine gebrochenen Finger noch einmal angreift. Und dieses Mal wird er mit mehr Elan zuschlagen.“

Nun diese Aussage mag auf den ersten Blick vielleicht im Gegensatz zu dem stehen, was O’Sensei (dt: „Großer Lehrer“) (Ueshiba Morihei, Begründer des Aikido) einmal sagte: „Wenn dich jemand bedroht, schließe deinen Angreifer ins Herz“ also ‚Zeige Gnade!’, wenn man sich aber überlegt, dass man auch die einfachere Möglichkeit hat, den Gegner brutal mit einem Faustschlag ins Gesicht zu verletzen und damit schwere Schäden zuzufügen, dann sind doch, bezogen auf dieses Beispiel, ein paar gebrochene Finger, ein relativ verantwortungsbewusstes Umgehen mit einem Angreifer.

Diese Verantwortung vermittelte Sensei also nicht nur den Lehrern auf dem Seminar sondern allen anwesenden.

Auf der anderen Seite hat er, um zum Schlüsselwort Angst zurückzukommen, auch gesagt, dass Angst überhaupt erst zu Angriffen führt. Entweder, weil der Angreifer die Angst eines „schwachen Opfers“ erkennt, oder aber, weil die Angst zur Aggression des Angreifers führt.

Die Angst die Kontrolle über eine Situation zu verlieren, die Angst davor schlecht dazustehen, und viele andere Formen von Ängsten.

Angst ist, so Reynosa-Sensei, die einzige Ursache für Aggression. „Fear leads to anger“ (dt.: „Angst führt zu Wut“), sagte Sensei wortwörtlich.

Kontrolle und die Angst davor, schlecht dazustehen, waren auch Thema der Gespräche. Kontrolle ist der Schlüssel im Aikido. Die Kontrolle keine Aggression aufkommen zu lassen, Kontrolle darüber das man evtl. aufkommende Aggression wieder in den Griff bekommt, und die Kontrolle über seinen Angreifer, falls man es nicht hat verhindern können angegriffen zu werden.

Und im Bezug auf die Angst davor schlecht dazu stehen, sagte Sensei nur sehr nüchtern etwas wie: „Es muss euch egal sein, was andere von euch denken. Ihr müsst für das einstehen, was ihr sagt, tut und seid.“ wörtl. „Stay on the line“ (dt: „Bleibe auf der Linie“).

Dieses Credo „Stay on the line!” bezog er sowohl auf Technik (das Prinzip des Eintretens in den Angriff, statt ihm auszuweichen jap.: „Irimi“ auch „Omote“), als auch auf das tägliche Leben. Kein Mensch sollte sich jemals von seinem Weg abbringen lassen, sofern dieser auf seine Tugend hin überprüft worden ist.

Leider muss ich zugeben, dass dies alles ist, was mir im Augenblick zu den besprochenen Themen einfällt. Ich habe nun die Themen, die mir eingefallen sind angeschnitten und die Gedanken zum Teil weiter gesponnen, möchte aber klarstellen, dass das Besprochene noch weitaus tiefgründiger war. Ich freue mich auf Kommentare und Anregungen was evtl. Vergessene Aspekte im Artikel betrifft.

Mit freundlichen Grüßen

Tobi

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