Was ist Aikido oder das Prinzip des Nicht-Streitens

Aikido zählt zu den Budosportarten, die im Deutschen als “Kampfkunstsportarten” bezeichnet werden. Dabei ist Budo der zusammenfassende Name für alle japanischen Kampfkünste, wie Judo (Ringen), Karatedo (Schläge und Fußtritte), Kendo (Fechten), Iaido (Schwert), Kyudo (Bogenschießen), Jodo (Stock) und viele mehr. Wie diese hat auch Aikido seinen Ursprung in Japan und teilt einen guten Teil seiner Eigenschaften mit den anderen Budoarten.

Dennoch nimmt Aikido eine Sonderstellung ein. Das Training erinnert zwar anfangs an Selbstverteidigung und ist auch hervorragend als solche geeignet, trotzdem gibt es in Aikido keinen Wettkampf, keine Angriffstechniken, keinen Gegner und man gebraucht keine Körperkraft, sondern Geschicklichkeit und Aufmerksamkeit, um zum Erfolg zu kommen. Dabei zählt gerade das Prinzip des Nicht-Streitens zur größten Tugend des Aikido, denn die im Training erzielte Aufmerksamkeit soll es dem Ausübenden ermöglichen, einen Kampf im Vorfeld im Keim zu ersticken. Kommt es dennoch zur körperlichen Auseinandersetzung, so ist es das Ziel, den Angreifer auf möglichst für ihn unschädliche Weise von seinem fantalen Handeln abzubringen.

Entstehung des Aikido
Um dieses Prinzip besser verstehen zu können, ist es hilfreich, die Entstehung von Aikido zu betrachten: Morihei Ueshiba, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Aikido aus den vielen traditionellen Kampfkünsten der Samurai entwickelte, zeigte in seiner eigenen Entwicklung genau das, was alle, die Aikido trainieren, durchmachen müssen.

Er begann als schwacher Vierzehnjähriger, der verzweifelt sah, dass sein Vater von größeren und stärkeren Männern schikaniert wurde. Selbst war der junge Morihei sowohl kleiner als auch zarter als die meisten (ca. 1,52 m Körpergröße). Er wollte natürlich durch sein fleißiges Training der Kampfkünste stark genug werden, um sich wehren zu können. Das wurde er, und mehr als das. Das intensive, hingegebene Training machte ihn mit der Zeit so überlegen, dass er keine Befriedigung mehr darin finden konnte, über die früheren Gegner zu siegen. Er hatte Kraft wie wenige und es war schwer für ihn, jemanden zu finden, der ihm etwas voraus hatte.

Überdies hatten die Kampfkünste ganz andere Größen, ganz andere Essenzen, als die Süße der Rache und des Siegs bloßgelegt. Im Innern der tausendjährigen Tradition der Kampfkünste fanden sich Samen für ganz andere Werte. Diese hatten Morihei Ueshibas Aufmerksamkeit geweckt. Er erkannte das mit großer Verwunderung, als er eines Tages im Jahr 1925 von einem Offizier herausgefordert wurde, der seine Kräfte gegen ihn messen wollte. Anstatt dem Angriff des Offiziers mit noch größerer Aggressivität und Kraft zu begegnen, glitt er unter jedem Angriff durch. Am Ende hatte der Offizier seine ganze Energie an kraftvolle Angriffe vergeudet, die nie ihr Ziel trafen, und musste zur Erde sinken und aufgeben. In diesem Augenblick wurde Aikido für Morihei Ueshiba geboren, der zu dem Zeitpunkt 41 Jahre alt war.

Als Morihei Ueshiba in den 30er Jahren um die fünfzig war, hatte seine physische Kraft ihren Höhepunkt erreicht. Keiner konnte ihm Paroli bieten, keiner war ihm überlegen. In den 50er Jahren, als er 70 Jahre alt geworden war, nahm ein anderes Aikido überhand. Er war sicherlich weiterhin unbezwinglich, aber mehr auf die Weise, in der er dem wütenden Offizier dreißig Jahre zuvor begegnet war. Die physische Kraft und Unnachgiebigkeit machte Platz für etwas, das der weichen Stärke des Windes glich. Die Techniken wurden wie schwebend und zeigten keine andere Kraft als die des Angreifers. Gerade weil er nie im Weg stand, war es unmöglich, ihn zu Boden zu bringen.

In den 60er Jahren, als sein Leben zu Ende ging, wurden die Bewegungen noch subtiler. Vor allem änderte er das Tempo. Sein Aikido wurde wie Synkopen in der Musik, es begann so zeitig, dass es manchmal dem Angriff zuvorkommen schien. Wenn Aikido eine Methode ist, den Angreifer zurück zu der natürlichen Harmonie, zum natürlichen Frieden zu führen, so tat Ueshiba das schon in dem Augenblick, in dem die Idee zum Angriff im Kopf des Parners entstand. Er machte seine Techniken nicht mit dem Körper des Partners, sondern mit dessen Intention. Deshalb wurden die Techniken wie Abstraktionen. Eine schweifende Bewegung mit der Hand in dem Moment, in dem der Partner losstürmte, und dieser fiel um.

Das Training
Aikid? wurde von dem Gründer Morihei Ueshiba nicht als Sport angesehen, sondern vielmehr als Misogi-Waza (“mi” frei übersetzt: Körper; “Misogi” frei übersetzt: den Körper schälen, raspeln, schneiden). Die Partner arbeiten zusammen, damit jeder einzelne seine Technik perfektionieren kann. Neue Graduierungen werden durch Vorführung diverser Techniken erreicht, ohne dass die Partner dabei als Gegner miteinander kämpfen.

Die Übungseinheiten bestehen zum überwiegenden Teil aus Kata-Geiko: Die Rollen von Angreifer und Verteidiger sind festgelegt, so wie Angriff und Verteidigung meist vorgegeben werden. Erst als fortgeschrittener Aikid?ka beginnt man, sich langsam von der Form zu lösen; zunächst sind, z.B. im freien Üben, Angriff und Verteidigung nicht mehr streng vorgeschrieben, später beginnt man, die Rollenaufteilung in Uke und Nage/Tori zu überwinden.

Der Aikid?ka achtet darauf, in den eigenen Bewegungen frei zu werden und nicht mehr über jeden einzelnen Schritt nachzudenken. Die Bewegungsabläufe sollen sich im Unterbewusstsein festigen. Regelmäßiges Üben verbessert die Beweglichkeit und fördert durch komplexe Bewegungsabläufe, Konzentration, Koordination, Grob- und Feinmotorik sowie das körperliche und geistige Wohlbefinden. Auf Dauer ist eine Verbesserung der Wahrnehmung unserer Umwelt möglich.

Ablauf

Es üben meistens zwei Partner zusammen. Im regelmäßigen Wechsel nimmt eine Person die Rolle des Angreifers (Uke) ein und die andere Person die Rolle des Angegriffenen (Nage oder Tori). Nage führt eine Technik gegenüber Uke aus. Nach in der Regel vier Wiederholungen der jeweiligen Technik vertauschen die Partner ihre Rollen als Uke und Nage.

Die Angriffe bestehen vorwiegend aus Schlägen, Halte- und Würgegriffen. Die Technik selbst ist zumeist in drei Teile gegliedert. Dem Aufnehmen/Vorbeileiten der Angriffsenergie, der Weiterführung der Energie bis zum Verlust des Gleichgewichts (des Uke) und der Abschlusstechnik, die aus einem Wurf – auch mit anschließender Haltetechnik – oder nur einer Haltetechnik bestehen kann.

Dabei kann das Aufnehmen und Vorbeileiten des Angriffs auf mehrere Weisen erfolgen. Nage (der Verteidiger) kann durch eine Ausweichbewegung und einen anschließenden Schritt – nahe zum Angreifer- hin sich mit der Energie des Angriffs harmonisieren. Danach wird, durch die Weiterführung der Angriffsenergie in eine durch Nage bestimmte Richtung, das Gleichgewicht von Uke gestört. Oft finden auch angedeutete Stoß- und Schlagtechniken (atemi) zur Störung des Gleichgewichts Verwendung. Sobald Uke die eigene Kontrolle über seinen Körper verloren hat, ist es nicht mehr schwer, die Bewegung durch einen Wurf oder einen Hebel zu beenden. Es gibt auch Übungen, in denen Techniken gegen mehrere Partner gleichzeitig geübt werden (randori) und Übungen bei denen die Technik frei gewählt werden kann.

Persönliche Anmerkungen
Oft wird Aikido nicht als effektiven Selbstverteidigung angesehen. Stattdessen wird es häufig als „moving Meditation“ bezeichnet. Nach meiner Auffassung ist dieses „Schubladen“-Denken eine unzulässige Einschränkung der Wirklichkeit. Denn wie sonst hätte sich ein nur ca. 1,52 m großer, schmächtiger Mann so in der Welt des Kampfes durchsetzen können? Wenn seine Methode keine Wirksamkeit gezeigt hätte, so wäre er doch längst in Vergessenheit geraten und kein Mensch würde heute Aikido praktieren.Und dennoch liegt die Wahrheit irgendwo auf beiden Seiten. Als ich vor ca. 20 Jahren zum ersten Mal mit Aikido in Berührung kam, würde es im Dojo als nur als eine Art Meditation unterrichtet und der Budo-Aspekt wurde nahezu völlig ignoriert. Gleichzeitig war aber eine Unruhe im Training, so daß auch wiederum dieser Aspekt eigentlich zu kurz kam. So verließen meine Frau und ich enttäuscht diesen Weg wieder.

Interessanterweise bin ich nun wieder beim Aikido nach langer Übungszeit im Karate und Kung Fu und als Reiki-Lehrer angelangt und habe nach nur zwei Wochen Training das Gefühl wieder „zuhause“ zu sein. Natürlich bietet Aikido „per se“ schon die Möglichkeit, sich selbst zu finden und die wirklichen Werte im Leben wiederzuentdecken. Allerdings kann eine Kampfkunst nur so gut sein, wie der Dojo, der sie vermittelt.

Ich trainiere mit drei von meinen vier Kindern zusammen. Dies ist eine sehr interessante Konstellation, da ich während des Trainings von der Vaterrolle abweichen und auch Verantwortung in die Hände der beiden Trainer abgeben muß. Meine Kinder und ich freuen uns sehr, daß im Shingen-Aikido-Dojo trainieren zu können. Die ausgleichende Wirkung des Trainings wurde auch schon in der bisherigen kurzen Zeit von Frau sehr wohlwollend zur Kenntnis genommen.

2 Kommentare

  1. Hallo zusammen,
    bin zufällig auf diese sehr schöne und informative Website zum Thema Aikido gestoßen und bin begeistert über die verschiedenen Beiträge, über die Einstellung und Motivation zum Thema Aikido.

    Bin nach über 7 Jahren !! wieder zu einem Aikido Training gegangen – ganz spontan – und habe mich genau wie im Beitrag beschrieben, wie “zu Hause” gefühlt ! Kann das also sehr gut nachvollziehen. Viele Techniken waren sofort wieder parat, auch die Fallschule kam mir vor als ob es gestern gewesen wäre.

    Werde regelmäßig Eure Seite besuchen und freue mich auf viele intressante Beiträge.

    Gruss
    Mark

  2. @Jörg
    Ich lese Deinen Artikel zum wiederholten Male und finde immer neue Aspekte, die ich klasse finde, Jörg. Abgesehen davon hast Du einen tollen Schreibstil. Der Artikel ist wirklich exzellent und man merkt, daß Du Dich lange mit Budo und Reiki beschäftigst. Es ist wunderbar Euch dabei zu haben und mit Euch trainieren zu dürfen.

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