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Mitgefühl & Gefühlsansteckung

Mitgefühl & Gefühlsansteckung

In diesem Artikel möchte ich auf das Thema Mitgefühl näher eingehen wobei die Gefühlsansteckung ebenfalls unumgänglich erläutern werde muss.
Grund dieses Themas war für mich die Frage, was genau Mitgefühl ausmacht. Und zudem war für mich wichtig herauszufinden, ob ich zum Beispiel bei einer Trauerphase eines Mitmenschen wirklich mit dem anderen Menschen mitleiden sollte um ihn zu helfen oder ob dies sogar kontraproduktiv ist.

Mitgefühl auch Empathie genannt ist die Eigenschaft sich in die Lage eines anderen Menschen (damit sind auch andere Lebewesen gemeint, doch beschränke ich mich hier nur auf Menschen) hineinzuversetzen und sich klar zu werden was dieser empfindet und wahrnimmt.
Ebenfalls zieht Mitgefühl ein seine eigenen Gefühle zu erkennen und angemessen zu reagieren.

Um mit einem Menschen Mitgefühl zu empfinden ist bei dem Mitfühlenden folgendes von Nöten: Sensibilität, Phantasie und Erfahrung mit der Situation oder dem Ereignis in dem sich der andere Mensch befindet.
Daher haben „ältere“ Menschen mit viel Lebenserfahrung oft ein großes Einfühlungsvermögen und viel Mitgefühl, wenn sie nicht gefühlsmäßig abgestumpft und ignorant geworden sind.
Somit unterliegt diese Eigenschaft offensichtlich auch einem Lernprozess.

Mitgefühl wird nach Studien teilweise angeboren, dann durch den Umgang mit anderen Menschen antrainiert.
Bei isolierten Menschen oder welchen, die in einer Umgebung aufgewachsen sind wo wenig Mitgefühl gezeigt wurde, wird oft kein oder nur wenig Mitgefühl festgestellt.

Perspektivenübernahme ist eine Methode um die Eigenschaft, Mitgefühl, auch später noch zu fördern.
So wird in Anti-Aggressivitäts-Trainings von Menschen, die zu Aggressionen und Gewalttaten neigen, gefordert sich in die Position eines möglichen Opfers zu versetzen.
Im Aikido finden wir ebenfalls eine solche Perspektivenübernahme. Durch den häufigen Wechsel als Uke und Nage wird einem mehr und mehr bewusst was der Uke z.B. bei einer Haltetechnik geistig empfindet und körperlich spürt.
Als Resultat werden die Bewegungen im Dojo sanfter und die Mitschüler werden geschont. Wodurch die Techniken natürlich nichts an ihrer Effektivität verlieren dürfen.

Wie viel Mitgefühl dann ein Angreifer außerhalb des Dojos erfährt liegt nicht nur an der Erfahrung die man bisher gesammelt hat. Sondern auch wie nah man dieser Person steht und wie viel Verständnis für die Handlung des Angreifers vorhanden ist.

Als Beispiel möchte ich hier Filme einbeziehen:
In Filmen wird der Hauptcharakter lange dargestellt und der Zuschauer erfährt seine Geschichte und Wahrheit. Wir als Zuschauer haben dadurch oft Verständnis für den Hauptcharakter, obwohl dieser etwas vollführt, das wir sonst moralisch missbilligen oder gar verurteilen würden. In Extremfällen befürworten wir sogar Gewalttaten und Diebstahl, wenn der Hauptcharakter diese begeht.
Der Angreifer, der kurz den Hauptcharakter attackiert und zusammengeschlagen wird oder ein Opfer, das vom Hauptcharakter bestohlen wird, wird weniger Mitgefühl von uns erhalten.
Das liegt an unserem Unwissen über den Nebencharakter und wir können uns in diesen selten bis gar nicht hineinversetzen.
Dies bezieht sich ebenfalls auf Glücksmomente im Film.

Diese Beispiele können wir auch in unserem Alltag übernehmen. Im Normalfall wird unser Mitgefühl für einen Freund höher sein als für einen Fremden.
Umso freier unser Geist von Vorurteilen ist und offener für die mögliche Wahrheit anderer desto mehr Mitgefühl können wir auch mit einem Fremden haben.

Doch trotz des Hineinversetzens in eine andere Person sollte man seine eigenen Gefühle und Situationen kennen.
Denn nur wenn wir eine Grenze und eine Fremdheit zu einer Person haben, können wir Kontrolle bewahren und handlungsfähig bleiben.
Behalten wir diese Handlungsfähigkeit nicht, dann sind wir auch nicht im Stande zu helfen.

Dafür zwei Beispiele:
1) Ein Arzt behandelt einen Patienten, der Schmerzen hat und keine schmerzlindernden Mittel erhalten darf. Obwohl dieser Arzt die Schmerzen mitfühlt bewahrt er seine Fremdheit und behandelt weiter.
Würde er die Grenze aufgeben wäre er nicht mehr in der Lage zu behandeln und dem Patienten wäre nicht geholfen.
Seine einzige Art sein Mitgefühl zu äußern ist es die Schmerzen bei der Behandlung so gering wie möglich zu halten.

2) Wir werden von jemanden (Fremden oder sogar Freund) angegriffen, wobei wir seine Finger zugreifen bekommen. Diese können wir ihm nach hinten umknicken (yubi dori) und können ihn so auf den Boden zwingen.
Da wir ihn unten halten wollen, wird weiterhin schmerzhafte Spannung auf den Fingern sein.
Wir besitzen hiermit Kontrolle.
Und es ist wichtig in diesem Moment eine emotionale Grenze zwischen uns und dem Angreifer zu ziehen. Tun wir dies nicht lassen wir möglicherweise los, weil wir Mitgefühl haben, aber auch unsere eigene Situation aus den Augen verloren haben. Daher müssen wir weiterhin den schmerzhaften Zustand beibehalten bis die Situation anders kontrollierbar wird (z.B. Security oder Polizei).
Es klingt für viele von uns im ersten Moment seltsam bis grausam, dass obwohl wir die Finger umknicken oder gar brechen in dieser Situation Mitgefühl zeigen können.
Dieses Mitgefühl äußert sich möglicherweise indem die Finger nur so weit wie nötig gedehnt werden und nicht brechen. Oder das die Finger gebrochen werden, wenn es nötig ist, aber der Angreifer dafür kein unnötigen Tritt ins Gesicht erhält.

Der Grund warum wir uns also eine Grenze bewahren müssen ist um die Situation objektiv zu sehen. Diese zu kontrollieren und richtig zu handeln.
Die Ursache, weshalb wir eine Grenze und Fremdheit benötigen ist die sogenannte Gefühlsansteckung.

Gefühlsansteckung ist genauso wie das Mitgefühl eine natürliche angeborene Eigenschaft. Doch passiert diese Entwicklung unwillentlich.
Bei der Gefühlsansteckung ahmen wir die Gefühle, Emotionen und Stimmungen von Anderen nach. Dies dient dazu um in einer Gesellschaft Anschluss zu finden und Bindungen aufzubauen. So ahmen wir die Mimik nach und beanspruchen sogar ähnliche Muskeln wie der Sportler, dem wir zusehen.

Hat einmal die Gefühlsansteckung begonnen kann diese nur kognitiv beendet werden.
Die Voraussetzung ist somit auch, dass wir erkennen, dass wir in diesem Prozess sind.
Dabei müssen wir wissen wo solch eine Ansteckung oft vorkommt. Zusätzlich ist es wichtig zu wissen, dass sowohl eine negative als auch eine positive Gefühlsansteckung existiert.

Negative Gefühlsansteckungen wie die Assimilation von Trauer oder Depressionen sollte definitiv beendet werden. Es ist niemanden geholfen, wenn wir gegebenenfalls durch Trauer und Schmerz gelähmt sind. Diese Erkenntnis sollte nun aber niemanden dazu bewegen einen depressiven Menschen oder eine Trauerfeier zu meiden. Wichtig ist nur diese Entwicklung zu beachten und eine Grenze zwischen seinen eigenen Gefühlen und der Gefühlen von Anderen zu ziehen.
Bei positiver Gefühlsansteckung müssen die Folgen beachtet werden.
Bei einer heiteren Gruppe kann es herrlich sein sich vom Lachen anstecken zu lassen.
Doch sollten wir unsere eigenen moralischen Ideale nicht aus den Augen verlieren.
Natürlich ist die Gefühlsansteckung nicht nur auf zwei Personen oder einer kleinen Gruppe beschränkt.

Gefühlsansteckung in großen Massen ist sogar noch extremer und in meinen Augen sogar gefährlicher. Egal ob es sich um negative oder positiver Gefühlsansteckung handelt.

Hierzu wieder zwei Beispiele:
1) In einem Festsaal bricht Panik durch ein kleines Feuer aus. Es entsteht eine negative Gefühlsansteckung und wohl kaum jemand handelt logisch oder kontrolliert.

2) Das selbst eine positive Gefühlsansteckung negative Folgen haben kann möchte ich als zweites Beispiel nehmen:
Eine größere Gruppe ist emotional aufgeheizt und fühlt sich gut. Eine starke Bindung entsteht und es folgt jeder jedem. Es ist solang gut bis sich die Gruppe gegen eine weitere Gruppe oder einen einzelnen erhebt oder „Unsinn“ anstellt.
Einzelne innerhalb der Gruppe würden den „Unsinn“ oder eine Schlägerei sein lassen, wenn sie nicht der Gefühlsansteckung der anderen erlegen wären.
Dies ist auch eine Art von Gruppenzwang.

Die Masse, wenn sie emotional aufgeladen ist, handelt irrational und hysterisch. Zudem ist sie führungsbedürftig.
Aus diesem Grund sollte jeder von uns versuchen kein Teil der Masse zu werden.

Als Fazit möchte ich festhalten, dass wir versuchen sollten Mitgefühl mit jedem anderen Menschen zu haben, aber niemals unsere eigene Situation und moralischen Einstellungen aus den Augen verlieren dürfen. Dies bedeutet unter Umständen eine Grenze zu ziehen und eine Fremdheit aufzubauen, die so manchem als kalt oder Unmenschlich erscheinen mag.
Doch nur wenn wir eine Gefühlsansteckung verhindern und die Kontrolle behalten, können wir richtig reagieren oder sogar agieren.
Oft können wir nur durch beibehalten der Kontrolle unserem Mitgefühl Ausdruck verleihen und helfen. All dies nur weil wir handlungsfähig bleiben.

Zu guter Letzt noch ein Zitat:
„Der Weise […] fühlt kein Mitleid, weil dies ohne Leiden der Seele nicht geschehen kann. Alles andere, das meiner Ansicht nach die Mitleidigen tun sollten, wird er gern und hochgemut tun: zu Hilfe kommen wird er fremden Tränen, aber sich ihnen nicht anschließen; reichen wird er die Hand dem Schiffbrüchigen, […] dem Armen eine Spende geben, aber nicht eine erniedrigende, wie sie der größere Teil der Menschen, die mitleidig erscheinen wollen, hinwirft und damit die verachtet, denen er hilft.“
– L. Annaeus Seneca, Über die Milde II,6

Quellen
Wikipedia: Empathie, Gefühlsansteckung
Wissenschaft.de: Mitleid tut weh
textlog.de: (Kirchner) Mitgefühl, Mitleid

4 Kommentare

  1. Isabelle sagt

    Ich finde Daniel hat mit diesem Artikel ein schwieriges Thema angesprochen. Schwierig insofern, weil es um Gefühle geht und Gefühle entsprechend der Sichtweise desjenigen, der sie hat oder nicht hat, variieren können. Wir alle haben Paradigmen, die für uns die Sichtweise auf alles in der Welt bestimmen. Und nur selten sind diese Sichtweisen gleich. Es ist Daniel sehr gut gelungen, das Dilemma zu beschreiben welches man hat, wenn es um die Wahl zwischen Mitleid, Mitgefühl und emotionaler Abgrenzung geht.

    Ich selbst bin der Meinung, dass Empathie sehr wichtig ist. Ob und in welchen Situationen man sich von den positiven oder negativen Gefühlen anderer Menschen anstecken lassen darf, muss meiner Meinung nach jeder für sich selbst herausfinden. Das hängt mit der persönlichen Charakterstärke zusammen und ist ein Lernprozess, der sich vielleicht sogar über das ganze Leben erstreckt.

    Sehr gut gefallen hat mir der Abschnitt über den Ausdruck von Mitleid in einer realen Angriffssituation. Darüber hatte ich so noch nicht nachgedacht.

    Abschließend möchte ich noch ein Zitat von Antoine de Saint-Exupéry anbringen:

    “Was ich aber am tiefsten verabscheue, das ist die traurige Rolle des Zuschauers, der unbeteiligt tut oder ist.
    Man soll nie zuschauen. Man soll Zeuge sein, Mittun und Verantwortung tragen.
    Der Mensch ohne mittuende Verantwortung zählt nicht.”

  2. Sebastian sagt

    Wie schon erwähnt finde ich deinen Artikel sehr gelungen und informativ. Für meinen Geschmack fehlt da eine etwas weniger wissenschaftliche Betrachtung, gerade bei einem Thema wie Mitgefühl.

    Einen gewissen Grad an “mit leiden” halte ich für durchaus gut , gerade guten Freunden und Menschen die einem sehr nahe stehen. Es nur Rational zu sehen und das richtige zu tun ist da einfach für nicht angebracht.
    Selbst wenn es auf die gleichen Handlungen hinausläuft.

    Es gibt aber auch Menschen, die wenn sie einer Freundin oder einem Freund Trost spenden, später genau so fertig sind wie die Person der sie helfen wollten.

    Schlussendlich kommt man wieder zu der (meiner Meinung nach) einzigen Wahrheit die es Gibt:
    Das Maß der Dinge ist entscheidend,so auch beim Mitgefühl.

  3. ChristianL sagt

    Ich schließe mich meinen Vorkommentatoren an, sehr gelungener Artikel, und möchte zu folgender Passage meine Meinung kund tun.

    Zitat “Diese Beispiele können wir auch in unserem Alltag übernehmen. Im Normalfall wird unser Mitgefühl für einen Freund höher sein als für einen Fremden.
    Umso freier unser Geist von Vorurteilen ist und offener für die mögliche Wahrheit anderer desto mehr Mitgefühl können wir auch mit einem Fremden haben.

    Doch trotz des Hineinversetzens in eine andere Person sollte man seine eigenen Gefühle und Situationen kennen.
    Denn nur wenn wir eine Grenze und eine Fremdheit zu einer Person haben, können wir Kontrolle bewahren und handlungsfähig bleiben.
    Behalten wir diese Handlungsfähigkeit nicht, dann sind wir auch nicht im Stande zu helfen.”

    Der erste Absatz beschreibt glaube ich ein allgemeines Problem, die Fähigkeit Mitgefühl gegenüber Fremden aufzubringen ist in unserer Zeit eine verpöhnte Angelegenheit. Jeder ist sich selbst der Nächste und auf seine Mitmenschen zu achten und Ihnen Grundsätzlich nichts böses zu unterstellen ist nicht der Standard. In Folge dessen, trifft das von dir geschrieben zu. Ich finde allerdings da sollte man dran arbeiten.

    Dem zweiten Absatz stimme ich nicht ganz. Die Notwendigkeit einer emotionalen Distanz zur Aufrechterhaltung der Handlungsfähigkeit halt ich für nicht belastbar. Als Gegenbeispiel möchte ich eine Eltern-Kind Beziehung anführen. In solchen Beziehungen kann man, so glaube ich, fast keine Grenze zwischen der emotionalen Welt der Kinder und der Eltern ziehen (sollte zumindest so sein). Zu beobachten ist das zum Beispiel wenn Kinder krank werden, die Eltern fühlen sich dann auch meist krank oder geschwächt, sie Leiden sogar mit. Trotzdem behalten sie Ihre Handlungsfähigkeit und treffen Entscheidungen, z.B. einen Arzt hinzu zu ziehen. Die Emotionale Belastung lässt sich, meiner Meinung nach in so einem Fall auch dramatisch steigern, z.B. schwere Verletzung eines Kindes, oder auch umgekehrt ein im Sterben liegender Elternteil etc.. Ich halte in diesen Situation die eigene innere Einstellung und emotionale Festigung (um nicht sogar Festung zu sagen) für den entscheidenden Knackpunkt. Mit den eigenen aufkommenden Gefühlen umzugehen, diese zu akzeptieren, sie auch auszuleben und trotzdem die innere geistige (nicht emotionale) Strutkur und Ruhe zu behalten um Handlungsfähig zu bleiben und vernunftbasierte Entscheidungen zu treffen halte ich an dieser Stelle für die entscheidende Übung.

  4. Carolin sagt

    Ich habe den Artikel gelesen und finde ihn gut. Über das Thema Mitgefühl habe ich noch nie so ausführlich nachgedacht und finde, dass es ein schwieriges Thema ist. Meiner Meinung nach ist Mitgefühl wichtig, aber ich empfinde es unterschiedlich. Je nachdem, wie es mich betrifft ist mein Mitgefühl stärker oder weniger stark. In Situationen, in denen z..B. Freunde leiden, leide ich zwar mit, aber zu viel Mitleid hilft dem Betroffenen nicht und meine Hilfe ist mir wichtig.

    Den Abschnitt über die Gefühlsansteckung fand ich besonders interessant, weil ich es in der Schule öfters erlebe. Nach einigen sehr negativen Erlebnissen ist es mir wichtig, mir meine eigene Meinung zu bilden.

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