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Objektivität

Hallo zusammen!

Peter hat mich gebeten, einen Artikel über das Thema Objektivität zu schreiben, und das passte sehr gut zu einer Theorie, über die wir letztens in der Schule gesprochen haben: Ein Soziologe (ich habe leider den Namen vergessen) hat behauptet, man könne nur eine wahre (bzw. objektive) Aussage treffen, wenn unter anderem folgende Bedingungen erfüllt sind:

1) Es handelt sich um mehrere Experten, die miteinander diskutieren.

2) Diese haben kein persönliches Interesse am Ausgang der Diskussion und

3) stehen nicht unter Zeitdruck.

Auf dieser Basis möchte ich behaupten: Es gibt keine vollkommene Objektivität.

Warum? Wenn eine Aussage objektiv ist, heißt das für mich, sie wurde ohne jegliches Interesse getroffen, weder persönliches noch sonst irgendeines. Doch das ist unmöglich. Man kann niemals ohne Interesse sprechen oder handeln.

Ein Beispiel: Jemand sieht einen Bettler und gibt ihm Geld. In diesem Moment vernachlässigt er sein eigenes Interesse, doch das heißt nicht, dass er objektiv handelt. Im Gegenteil, er nimmt in diesem Moment das Interesse des Bettlers an und handelt vielleicht noch zur Bekämpfung der Armut.

Das einzige Interesse, das man haben darf, um objektive Aussagen zu treffen, ist die Objektivität. Doch wie bereits gesagt kann diese aufgrund des menschlichen Wesens niemals das einzige sein.

Denn dazu müsste eine weitere Eigenschaft dazukommen: die Allwissenheit. Um objektiv zu sein, also alle Interessenparteien zu gleichen Teilen miteinzubeziehen, müsste man alles wissen über deren Interessen und alle allgemeinen Tatsachen, die Auswirkungen auf die Aussage haben könnten.

Diese Thesen möchte ich jetzt auf das Bildnis der vier Blinden beziehen. Für alle, die es nicht kennen, es geht in etwa so:

Vier Blinde treffen auf einen Elefanten und wollen herausfinden, worum es sich handelt. Der Erste betastet den Bauch und denkt, es wäre eine Mauer. Der Zweite betastet ein Bein und denkt, es wäre ein Baum. Der Dritte betastet den Rüssel und denkt, es wäre eine Schlange, der Vierte betastet den Schwanz und denkt, es wäre ein Seil.

Warum finden die Blinden nicht heraus, dass es sich um einen Elefanten handelt?

1) Sie verlassen sich auf ihr subjektives Empfinden. Sie versetzen sich nicht in die Position anderer und tauschen ihre Wahrnehmungen nicht aus. Doch selbst wenn sie diskutieren würden, kämen sie nicht auf das richtige Ergebnis, wenn sie

2) nicht wüssten, dass es Elefanten gibt. Das bezieht sich auf die Allwissenheit. Es ist richtig, dass die Blinden nicht allwissend sein müssen, um Elefanten zu kennen, doch es reicht nicht, nur zu wissen, was ein Baum, eine Schlange etc. ist.

3) Es würde auch nicht reichen, zu diskutieren, wenn alle vier auf ihrer Meinung beharren würden, ihr Interesse also nicht der Wahrheitsfindung, sondern dem Rechthaben gilt.

Würden die Blinden jedoch diskutieren, ihr Ego vernachlässigen und wüssten von Elefanten, wäre es möglich, dass sie ihn identifizieren.

Daher meine Schlussfolgerung: Es gibt tatsächlich keine vollkommene Objektivität, doch es ist möglich, daran heranzukommen, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind:

1) Man hat möglichst viel Erfahrung und Wissen.

2) Man verfolgt kein persönliches Interesse, zum Beispiel, den anderen zu beweisen, dass man Recht hat.

3) Man diskutiert mit anderen, um die Meinungen zu vergleichen. Nur, wenn alle (ebenfalls möglichst objektiven) Meinungen miteinbezogen sind, ist Objektivität möglich.

 

Das sind meine Ansichten und vielleicht habe ich auch Denkfehler gemacht. Ich würde mich sehr über eure Kommentare freuen.

Liebe Grüße

Natalie

5 Kommentare

  1. Thomas E. sagt

    Ich würde noch viertens hinzufügen wollen:

    4) Man akzeptiert, das man eventuell nicht zu einer gemeinsamen Meinung kommt. Das die Diskussion darin endet, dass man die Position der anderen kennt, akzeptiert, aber nicht teilt.

  2. Natalie, das ist ein sehr schöner Artikel, in dem Du Dich sehr intensiv auseinandersetzt. Jetzt wäre es an der Zeit noch die großen Philosophen hierzu einzubeziehen, die Deine Sichtweise vermutlich bestätigen würden.

    Es ist auch Definitionssache. Was ist eine Schlange, was ist ein Baum, was ist ein Seil. Auch das sind Dinge, die jeder anders sieht: Beim Baum denkt der eine an eine Eiche, der andere an eine Tanne, der nächste an eine Birke…

    Also geht es da schon los. Und was ist denn eigentlich ein Elefant? Das was Menschen mit Augenlicht sehen? Heute verstehen wir mehr über Tiere und deren Denken, Handeln, Bewusstsein, Intelligenz. Vor Jahren war ein Delphin bei Wissenschaftlern noch nicht der Delphin, der er heute ist.

    Also ist auch die Zeit in Faktor von Objektivität? Offenbar. Objektivität gibt es auch nach meiner Meinung nicht. Was aber wichtig wäre, ist eine selbstlose Sichtweise der Dinge, die das Wohl aller im “Auge” behält. Das haben die Samurai angestrebt. Das sollte jede Führungspersönlichkeit, jeder Mensch anstreben. Nicht nur in Bezug auf die Menschen, sondern auch auf die Tiere, die Pflanzen, den Planeten und noch weiter.

    Wichtig für uns ist sicher die Mühe, die wir uns hierfür geben müssen. Das bedeutet unser Ego zurück zu schieben und für das Wohl aller zu denken. Eher mal ein total vernachlässigtes Thema in diesen Zeiten. Umso wichtiger, dass wir uns hier “reinhängen”.

    Und unser Ego dürfen wir auch nicht völlig vernachlässigen, denn sonst haben wir am Ende keine Chance mehr für uns selber. Da ist sie wieder “die Gratwanderung”.

    Ein schöner Artikel. Ich hoffe auf viele weitere Sichten und Einsichten.

  3. Christoph sagt

    Sehr schöner Artikel Natalie!

    Ich finde dass Objektivität nicht immer die beste Alternative ist.
    Ich erlebe häufig im Alltag in Gesprächen, dass Menschen sagen, man könne verschiedene Obtionen wählen, nur müsste jeder für sich die Richtige wählen. Beispielsweise wenn ein Freund mich um Rat bittet, und ich ihm sage, du kannst entweder diesen Weg oder aber auch diesen anderen Weg gehen. Welchen du wählen willst musst du wissen. Erst durch meine subjektive Einschätzung wird der Rat hilfreich, wenn ich ihm meine Sicht der die Dinge schildere und ihm einen Weg empfehle. Ob er diesen Weg dann geht ist seine Entscheidung und das ist auch richtig so.

    “Man kann niemals ohne Interesse sprechen oder handeln.”

    Ich denke, dass jede Handlung aus subjektiven Beweggründen geschieht und dass Objektivität häufig dazu verwendet wird, sich zu schützen.
    Man lässt sich auf keine Aussage festnageln, das machen Politiker ja täglich. Ich bin der Meinung, dass man sich zu jeder Frage eine Meinung bildet. Sie wird nicht ausdrückt, aus Angst in eine Ecke gestellt zu werden. Man wartet ab, was andere Menschen zu diesem Thema sagen und schließt sich schnell deren Meinung an, vor allem bei Autoritäten und Experten, von denen man erwartet, dass sie objektiv handeln.(Dazu passt ganz gut das Beispiel mit dem Experiment zu Elektroschocks das beim Training letzter Woche aufgegriffen wurde.)

    Positiv an der Objektivität ist die Chance, seinen Horizont zu erweitern und einen Perspektivwechsel durchzuleben. Das ganze hilft dem Charakter, den man ständig reflektieren sollte.

    Dein Artikel hat mich zum Nachdenken angeregt, danke dafür!

    Christoph

  4. Natalie sagt

    Danke für eure Kommentare!

    An Thomas:
    Das ist ein interessanter Einwand, dessen Meinung ich aber nicht teile. Denn wenn man zu keiner gemeinsamen Meinung kommt, gibt es immer noch nur viele subjektive und das ist für mich keine Objektivität. Wie siehst du das?

    An Peter:
    Habe ich dich richtig verstanden, dass Objektivität überhaupt nicht möglich ist, weil niemand die Wahrheit über bestimmte Dinge kennt? Meiner Theorie nach ist vollkommene Objektivität nur möglich, wenn Allwissenheit herrscht, doch deiner Meinung nach ist Allwissenheit gar nicht möglich, weil jeder verschiedene Ansichten hat? Aber sind diese Ansichten dann nicht wieder subjektiv?

    An Christoph:
    Meinst du nicht, ein Rat wäre auch hilfreich, wenn er objektiv ist, also das Wohl aller, inklusive das des um Rat Bittenden im Auge hält? Aber du hast recht, wenn man viele subjektive Ratschläge erhält, kommt das auch wieder an Objektivität heran.

    Es stimmt auch, dass Objektivität ein Aspekt des “Out of the Box”-Prinzips ist. Sie ist zwar sehr anstrengend, da man immer alle möglichen Meinungen miteinbeziehen muss, aber wenn alle versuchen würden, objektiv zu handeln, wäre allen sehr geholfen. Wir können ja schon mal damit anfangen ;-)

  5. Natalie sagt

    Der Name des Soziologen, von dem ich erzählt habe, ist übrigens Jürgen Habermaß.
    Liebe Grüße Natalie

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