Tori und Uke – Sender und Empfänger

Wie bei allen japanischen Begriffen scheint die Übersetzung der Worte Tori und Uke ins Deutsche sehr einfach zu sein. Tori heißt als Verb benutzt „greifen“, und wird beim Training auch als Substantiv, dann mit der Bedeutung „Der Ausführende der Technik“, verstanden. Zuweilen (wie zum Beispiel auch in unserem Dojo) wird stattdessen auch der Begriff „Nage“ benutzt, was „Wurf“ und auch „der Werfer“ bedeuten kann. Uke dagegen heißt als Verb etwa so viel wie „leiden“, „erhalten“, oder „empfangen“; Substantiviert ergibt sich daraus „der Leidende“ oder „der Empfänger“. Simpel gesagt könnte man Tori und Uke also mit „Der Ausführende der Technik“ und „Der Erleidende der Technik“ übersetzen. Für ein rein defensives Konzept von Kampfkunst bedeutet dies in der Konsequenz für die Übersetzung von Uke und Tori lediglich „Angreifer“ und „Verteidiger“.

In Wahrheit geht die Idee der Worte Tori und Uke weit über das Konzept eines Ausführenden und eines Erleidenden Parts im Training weit hinaus. Die Beziehung zwischen den Beiden lässt sich vielleicht mit der Beziehung zwischen Subjekt und Objekt in einem Satz vergleichen. Beide Wörter bzw. beide Trainierende können für sich existieren. Und beide Wörter für sich haben eine Bedeutung bzw. beide Trainierende können für sich trainieren. So heißt Baum, Baum und Säge, Säge. Genau so kann ein Mensch alleine für sich im Tandoku renshu geiko (Übung ohne Partner) die Bewegungsabläufe einer Technik üben und ein Anderer für sich die für eine Technik benötigten Ukemi (Fallschule) üben.

Wirklich sinnig werden die Worte Baum und Säge jedoch erst, wenn man sie in einen grammatikalischen Zusammenhang stellt und ihnen die Funktion von Subjekt und Objekt gibt. „Die Säge fällt den Baum“ die Säge ist Subjekt, der Baum Objekt.
Genauso ist es mit der Beziehung zwischen den für sich Trainierenden von Tandoku renshu geiko und Ukemi. Erst wenn man ihnen die Funktion von Tori und Uke gibt und sie zusammen trainieren, also der Tori am Uke die Technik ausführt wird die Übung komplett. Der ganze Sinn der Übung zeigt sich erst im Zusammenspiel von Tori und Uke, Subjekt und Objekt, Sender und Empfänger.

Ein wichtiger Aspekt in der Beziehung der Beiden ist, dass beide zu 100% gleichberechtigt sind. Ein Tori ist nie besser als ein Uke weil er ihn wirft oder am Boden hält. Die Fähigkeit bei einem Wurf so fallen zu können, dass man sich nicht verletzt ist genauso wertzuschätzen wie die Fähigkeit einen Angreifer effektiv zu Boden zu bringen.
Außerdem gibt es für einen Uke beim Üben einer Technik ideale Voraussetzungen zum Erlernen der Technik. Die meisten Techniken funktionieren besser, wenn man am eigenen Körper erlebt hat, wie sie wirken. Außerdem hat man als Uke die einmalige Möglichkeit zu erleben was Mitgefühl ist, denn wenn man selbst oft erlebt hat welche Schmerzen gewissen Techniken verursachen können, bringt einen das dazu besser um mögliche Konsequenzen bei Ausführung der Technik zu wissen.
Außerdem kann man als Uke regelrechten Spaß am geworfen werden entwickeln, wenn man sich beim geworfen werden darüber im Klaren ist, welch ästhetischer Bewegung oder Technik man die Möglichkeit gibt sich zu entfalten, und wenn man darum weiß, dass man dem großen Prinzip der Kampfkunst die man trainiert die Möglichkeit gibt sich nach außen hin zu zeigen, was jeden Uke -und auch jeden Tori- in jeder Kampfkunst mit Stolz erfüllen sollte.

3 Kommentare

  1. Peter Roskothen

    Tobi, das ist ein sehr schöner Artikel und Du hast das Prinzip Aikido auch richtig verstanden, wenn Du beschreibst, daß der Uke erst den Nage ausmacht und umgekehrt. Yin und Yang, Leben und Tod, Nage und Uke…

    Nur wenn man auch die Schmerzen erleidet, weiß man was Mitgefühl ist. Über die Schmerzen lernt man vieles.
    Einzig mit dem Stolz tue ich mich persönlich sehr schwer. Ich weiß er existiert, aber ich bezweifle daß er in den meisten Fällen etwas Gutes darstellt. In meinen persönlichen Augen ist er keine Tugend, sondern eher das Gegenteil. Aber ich bin da sehr kleinlich, mag auch den Begriff Sieg nicht in sehr klugen Sprüchen wie: „Der beste Sieg ist der Sieg ohne Kampf“. Siegen = Ego. Ich halte auch nicht viel von Kampfsport oder olympischen Spielen, die auch noch dem Nationalismus dienen. Alles verkehrte Werte in meinen Augen. :-)
    Schöner Artikel!

  2. ich hab ehrlich gesagt fast damit gerechtnet, dass du dich mit diesesm aspekt des artikels schwer tun würdest, was du jetzt bitte nicht als kritik auffassen sollst. aber man lernt sich halt kennen beim training. ich persönlich denke das stolz und selbstbewusstsein im richtigen maße an gebracht ist; entscheidend ist „im richtigen maße“. auch olympische spiele und nationalismus bzw patriotismus im richtige maße halte ich für richtig, da men ursprünglich ja versucht einer höheren sache zu dienen. nun gut de gustibus non est disputandum liebe grüße tobi
    tobi

  3. Francisco

    Hallo,

    Dieser Artikel ist wirklich sehr schön und für mich sehr lehrreich. Ich persönlich kann auch mit dem deutschen Begriff „Stolz“ wie Peter recht wenig anfangen… Dafür hat meine Muttersprache zwei Ausdrücke (was Tobi bestimmt kennt) nämlich: „ser orgulloso“ / „estar orgulloso“ wo das Verb „ser/estar“ (zu Deutsch beides „sein“) eine entscheidende Rolle spielt. Im ersten Begriff steckt eine kleine Andeutung auf Arroganz, Überheblichkeit, ähnlich vielleicht mit diesem quasi abwertenden Sinn auf Deutsch von „Stolz sein“ in bestimmten Kontexten und bezieht sich immer auf die Eigenschaften der Person selbst z.B. „Er ist ein stolzer Aikidoka“. Im zweiten Begriff wiederum druckt man das Gefühl gegenüber anderen Leuten aus, z.B. wenn ich in etwa auf Deutsch sage „ich bin stolz auf meine Tochter“ weil sie z.B. etwas schnell gelernt hat. Diese zweite Bedeutung kann ich viel besser verstehen.

    Sicherlich hat aber auch Tobi Recht wenn er behauptet „im richtigen Maße“, wobei er auch das Wort „und Selbstbewusstsein“ hinzufügt, was ich richtiger finde. Anders scheinen mir die Begriffe „Stolz“ mit z.B. „Bescheidenheit“ ein wenig schwer zu vereinbaren…

    Liebe Grüße
    Francisco

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