Wie Angst entsteht – Eckhart Tolle

Liebe Aikidoka,

Es ist lange her, seitdem ich hier etwas gepostet habe. Folgenden Artikel habe ich neulich gelesen und wollte unbedingt mit Euch teilen, denn ich finde, es hat viel mit Aikido und unserer Weltanschauung zu tun. Der Autor, Eckhart Tolle, hat mit Kampfkunst oder Budo gar nichts zumindest direkt – zu tun, er ist Psychologe. Der Text hat mich aber sehr stark an Werner Lind „Budo“ erinnert. Schönen Grüße an alle.

Wie Angst entsteht

„Psychologisch begründete Angst hat nichts mir irgendeiner konkreten augenblicklichen Gefahr zu tun. Sie äußert sich in verschiedenen Formen – als Unruhe, Sorge, Ängstlichkeit, Nervosität, Spannung, Phobie. Dabei geht es immer um etwas, das passieren könnte, nicht um etwas, das gerade geschieht. Du bist im Hier und Jetzt, während Dein Verstand in der Zukunft weilt. Dadurch entsteht eine Lücke, die sich mit Angst und Sorge füllt. Und wenn Du den Kontakt zu der Kraft und Schlichtheit des Jetzt verloren hast, dann wird diese angstgefüllte Lücke Dein ständiger Begleiter.

Mit dem gegenwärtigen Moment kannst du immer zurechtkommen, aber Du kannst nicht mit etwas fertig werden, das nur eine Projektion Deines Verstandes ist, das heißt, mit der Zukunft. Solange du Dich mit Deinen Verstand identifizierst, regiert das Ego Dein Leben. Trotz zahlreicher Verteidigungsmechanismen ist das Ego sehr verletzlich, sehr unsicher und fühlt sich ständig bedroht. Das ist übrigens auch dann der Fall, wenn das Ego äußerlich sehr selbstsicher erscheint. Eine Emotion ist, wie wir wissen, die Reaktion des Körpers aus Deinem Verstand. Und welche Informationen bekommt der Körper laufend vom Ego, vom falschen, erfundenen Selbst? Gefahr! Ich werde bedroht! Und welche Emotion wird durch diese ständige Nachricht erzeugt? Natürlich Angst. Angst scheint viele Ursachen zu haben. Angst vor Verlust, Angst vor Versagen, Angst vor Verletzung und so weiter, aber letztendlich ist jede Angst die Angst des Ego vor dem Tod, vor der Vernichtung.

Für das Ego lauert der Tod immer gleich hinter der nächsten Ecke. Wenn du Dich mit dem Verstand identifizierst, beeinflusst die Angst vor dem Tod jeden Aspekt deines Lebens. Auch das scheinbar so triviale und „normale“ zwanghafte Bedürfnis, bei einem Streit Recht behalten zu wollen und die andere Person ins Unrecht zu setzen. Wenn Du Dich mit seiner Verstandesposition identifizierst und dann im Unrecht bist, wird sich Dein auf den Verstand gegründetes Selbstgefühl ernsthaft von der Vernichtung bedroht fühlen. Du als Ego kannst es Dir nicht leisten, Unrecht zu haben. Unrecht zu haben bedeutet zu sterben. Darüber sind Kriege geführt worden, und zahllose Beziehungen sind daran gescheitert. Sobald Du dich von Deinen Verstand getrennt hast, macht es für Dein Selbstgefühl keinen Unterschied mehr, ob Du im Recht oder im Unrecht bist.

Der stark zwanghafte und zutiefst unbewusste Drang, Recht zu haben, der auch eine Form von Gewalt ist, wird nicht mehr länger bestehen. Du kannst klar und deutlich zum Ausdruck bringen, wie Du Dich fühlst und was Du denkst, ohne Aggressivität oder Verteidigungsmechanismen. Dein Selbstgefühl wurzelt dann nicht mehr im Verstand, sonder in einer viel tieferen inneren Wahrheit. Beobachte es, wenn Du defensiv wirst. Was verteidigst Du? Eine eingebildete Identität, eine Vorstellung in Deinem Verstand, ein fiktives Wesen. Indem Du Dir dieses Muster durch reine Beobachtung bewusst machst, trittst Du aus der Identifikation mit ihm heraus. Im Licht Deines Bewusstseins wird sich dieses unbewusste Muster dann rasch  auflösen. Das ist das Ende aller Streitigkeiten und Machtspiele, die in Beziehungen so zersetzend wirken. Macht über andere ist nichts anderes als Schwäche, die sich als Stärke maskiert. Wahre Stärke findest Du im Inneren, uns sie steht Dir jetzt zur Verfügung.“

5 Kommentare

  1. Eine faszinierende Vorstellung: Man hat Angst vor etwas, was es noch gar nicht gibt. Aber war das nicht genau das, worüber wir letztens noch gesprochen haben?
    Man spricht nicht umsonst heutzutage von einer „Angstgesellschaft“ mit diffusen Ängsten und Sorgen, da sich das Weltbewusstsein erweitert, und sich damit die Möglichkeiten der Gefahr vervielfältigt haben.
    Auch die Angst vor einem Atombombenangriff ist merkwürdig: Zur Zeit ist es sehr unwahrscheinlich, dass so etwas passiert, und trotzdem hat man Angst, allein vor der MÖGLICHKEIT.

    Der zweite Aspekt, den Eckhart Tolle anspricht, ist genauso interessant: Warum müssen wir immer Recht haben? In einem anderen Artikel ist davon die Rede, dass wir viel zu selten „Ich weiß es nicht“ sagen. Das hat unmittelbar damit zu tun.
    Die Lösung für ein problemloses Miteinander ist also nach Eckhart Tolle, zu erkennen, dass man bei einem Streit etwas Eingebildetes verteidigt. Ich würde zwar nicht sagen, die Identität sei eingebildet, sondern eher, man hat ein zu perfektionistisches Bild von seiner Identität, aber der Grundgedanke wird klar.

    Danke, Francisco, für den interessanten Artikel!

  2. Interessant, dass ich diesen Artikel genau in dem Moment lese, indem ich eine Lernpause (Geschichte LK, Thema : 1WK) einlege.
    Denn man erkennt dieses Muster, welches Herr Tolle anspricht auch hier:
    Menschen neigen dazu eine irrationale Angst vor der eigenen „Vernichtung“ zu haben – wenn man die Weltgeschichte betrachtet erkennt man dies allzu oft.
    Zum Beispiel war ein entscheidener Auslöser des 1.WK die Angst vor dem Verlust der Machtstellung seitens der Deutschen und eine Paranoia vor einer „Welt von Feinden“(Wilhelm II.).
    Wenn man die damalige Situation allerdings aus heutiger Sicht betrachtet, erkennt man, dass eben die aus der Angst resultierenden (eigentlich zur Rettung bestimmten)Handlungen, wohl schließlich zu eben jener Vernichtung führten, welche verhindert werden sollte.
    Hier zeigt sich eben das, was Tolle in seinem ersten Absatz beschreibt: Die Menschen, also wir, dachten/denken zu weit in der Zukunft. Die „Lücke“ welche sich daraufhin bildet füllt sich mit Angst! Einer Angst, welche sich im Nachhinein meistens als unnötig herausstellt.
    Wenn wir diese Denken in den Griff bekommen könnten, wäre es möglich manch traurige Begebenheiten (Streits,Trennungen, vielleicht sogar größere Konflikte) zu verhindern oder
    wenigstens zu mindern…

    Auch von mir ein herzliches Dankeschön, Francisco !!!

  3. Peter Roskothen

    Der Autor schreibt richtige Dinge, die leider nicht in der Theorie umgesetzt werden können. Zu dem Status keine Angst zu empfinden und sein Ego zurück zu stellen, kommt man leider nicht theoretisch. Das ist ein praktischer Vorgang, der sich z.B. durch Aikido einstellen kann. Hier ist man deutlich im Hier und Jetzt, muss sein Ego zurückstellen (wenn man es richtig macht) und sich mit seinen Ängsten sogar beschäftigen. Theoretisch kommt da niemand hin.

    So ist das worüber wir am Montag gesprochen haben, sehr mit der Angst verknüpft. Und wenn wir das Thema bewältigen (wie auch immer), wird auch die Angst bewältigt.

    Das mit dem „Recht haben“ ist im Artikel „Vier Blinde erfahren einen Elefanten“ schon recht gut gelöst. Wer den Artikel zu Ende denkt ist schon ein großes Stück weiter.

    Mit dem Artikel (danke Fran-sempai), werden Zusammenhänge klarer.

  4. Vielen Dank, Francisco, für diesen Artikel, der mir einige interessante Einblicke vermittelt hat.

    Im Folgenden möchte ich gerne aus meiner Sicht Gründe für Angst darstellen und einen Versuch wagen, eine Brücke zum Aikido zu schlagen.
    Dies ist mein persönliches, derzeitiges Verständnis. Es gibt erfahrenere, tiefere, sicher bessere Einblicke Anderer in solche Zusammenhänge. Ich bin halt kein Philosoph. Trotzdem ist es ein kleiner „Roman“ geworden. Ich war auf einmal im Fluss. ;-)

    Meiner Ansicht nach dreht es sich bei Angst fast immer um die folgenden zwei Aspekte: Um Angst vor Verlust, und um Angst vor Schmerz.

    Angst vor Verlust der eigenen Gesundheit / Unversehrtheit, des Jobs, des eigenen Wohlstands, geliebter Menschen, des Ansehens bei anderen Menschen, des eigenen Lebens. Oder Angst, dass andere Menschen in diesen Bereichen Verluste erleiden.

    Oft ist dies aber ein hypothetischer Verlust. Wie im Beitrag oben beschrieben wird: eine Projektion unserer Gedanken in unsere (ungewisse) Zukunft hinein. Damit also ein verlust, der in einigen Fällen *möglicherweise* auf uns zu kommt. Und in vielen Fällen aber auch nicht so eintritt.

    Eine Sonderstellung nehmen der Verlust des eigenen Lebens (der eigene Tod) ein, der jedem bevorsteht, sowie der Verlust geliebter Menschen, mit dem man in der Regel im Laufe seines Lebens durch Trennung oder Tod konfrontiert wird. Dass man diesen Verlusten grundsätzlich begegnen wird, ist nicht hypothetisch. Zeitpunkt, Art und Weise sind uns jedoch unbekannt.

    Aber es geht auch um die Angst vor Schmerz. Körperlicher oder seelischer Schmerz, der häufig mit den genannten Verlusten einher geht.

    Unsere Gedanken stehen in Wechselwirkung mit unseren Gefühlen und unserem körperlichen Befinden. Ein Verlust oder Schmerz, den wir jetzt in unseren Gedanken für die Zukunft sehen, wirkt sich *jetzt* auf unsere Emotionen, Geist und Körper aus.

    Welche Art von Verlust man auch betrachtet: Es geht dabei immer um Aspekte unseres Lebens, die sich unserer Kontrolle entziehen.

    Unser Ego, unser Ich ist es gewohnt und ist bestrebt, Kontrolle über das eigene Leben auszuüben. Dieser Einflussbereich hat jedoch seine Grenzen. Es widerstrebt uns bzw. wir haben Angst davor, uns etwas zu überlassen, über dass wir nicht die Kontrolle haben, weil wir dadurch Ungewissheit (zum Beispiel von möglichem Verlust und Schmerz) und Risiken ausgesetzt sind.

    Im Buddhismus heißt es in einem übertragenen Sinn, dass wir „leiden“, wenn wir versuchen, Kontrolle über Aspekte (Zustände, Menschen) in unserem Leben auszuüben, die außerhalb unseres Einflussbereiches liegen. (Andere Menschen liegen immer außerhalb des eigenen Einflussbereiches.) Wenn wir uns wünschen, dass dort bestimmte Situationen sind oder nicht sind bzw. sein werden.

    Eine Ausprägung dieses Leidens ist die Angst vor Verlust und Schmerz.

    Deswegen muss man sich in der Situation der Angst, im Jetzt, von diesen Gedanken lösen. Meditationstechniken zum Beispiel gehen so vor, dass man zu seinem Ich und dem „plappernden Äffchen“ der eigenen Gedanken einen Abstand einnimmt. (Ähnlich beschreibt das ja auch Eckhart Tolle.)

    Das heißt, wenn die Angst aufwallt, aus seinem Ich heraus und in eine Beobachterposition zurück zu treten, die Angst neutral zu betrachten, sie nicht zu empfinden, nicht zu bewerten, sie als Teil der eigenen Gefühlswelt anzunehmen. Und dann die Gedanken und die mit ihr verbundene Angst sich nicht aufschaukeln, sondern sie wieder abklingen zu lassen. Als Bild: sie zu beobachten wie eine Welle, die an den Strand rollt, und sich dann wieder von alleine zurückzieht.

    Vielleicht ist das eine Art von Aikido. Wenn man seiner Angst so aus dem Weg tritt, ihre Energie neutral durch sich hindurchfließen und dann verklingen lässt und somit wieder zum ursprünglichen, von Angst freiem Ausgangspunkt zurückkehrt.

    Gleiches ist auch für andere negative oder „störende“ Gedanken und Emotionen anwendbar.

    Niemand wird sich je völlig von Angst befreien können. Darum geht es im Grunde auch nicht, sondern darum, wie man mit ihr umgeht. Das schon hilft uns weiter und so können wir dies üben. Und ich stimme dir zu, Peter: Wir *müssen* dies sogar üben, wenn es nicht graue Theorie bleiben soll.

  5. Hallo,
    Mein Angst kommt nicht von ungefähr!
    Ich wurde am 19.09.2007 am Herzen Operiert und bekam 6 Bypässe
    und seit dießer Zeit habe ich Angst vor einem Herzinfakt“!
    Ich nehme Antidepressiva damit ich Schlafen kann! Meine Frau ist dann noch am 17.02 2009 an Krebs Verstorben! Meine Situation hat sich dadurch nicht gerade verbessert! Seit dießer Zeit lebe ich mit der Angst ohne Medikamente geht nichts mehr,

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